Andrzej Wirth

Theaterwissenschaftler

Professor em., Gründungsdirektor des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen


Der Literaturwissenschaftler Andrzej Tadeusz Wirth (ATW), geboren 1927 im polnischen Wlodawa, erlebte den Beginn des Zweiten Weltkrieges auf dem Landgut seiner Mutter in Ostpolen. Sein Vater meldete sich 1939 zur polnischen Exilarmee, kämpfte gegen Hitler an der italienischen Front (Monte Cassino) und ließ sich nach dem Krieg in London nieder.

Die Kriegszeit verbrachte der junge ATW mit seiner Mutter in Warschau, er besuchte ein konspiratives Elite-Gymnasium, wo er heimlich Latein, Deutsch und Englisch lernte und die deutschen Klassiker las. Er sah den alltäglichen Terror auf den Straßen, die Polizeirazzien und öffentlichen Erschießungen von Geiseln, das leidvolle Sterben im Ghetto und die blutige Niederlage des Warschauer Aufstandes 1944, die endgültige Katastrophe einer Millionenstadt.

Nach dem Kriege studierte er analytische Philosophie in Lodz und Warschau und promovierte in Breslau mit einer Dissertation über Brecht. Diese Arbeit, publiziert auch auf Deutsch, hat ihn in Fachkreisen außerhalb Polens bekannt gemacht und ermöglichte ihm später den Weg an die westlichen Universitäten.

Auf die Einladung von Bertolt Brechts Berliner Ensemble ging ATW 1956 für zwei Jahre nach Berlin und nahm Kontakt mit deutschen Akademikern und Literaten auf. Er schloß sich der Gruppe 47 an und wurde als Kritiker, Übersetzer und Herausgeber zum Vermittler zwischen deutscher und polnischer Kultur. Seine zweibändige Anthologie des polnischen modernen Dramas (Luchterhand 1966) beeinflußte die Rezeption des polnischen Theaters in Deutschland. In den sechziger Jahren galt er mit seinem Mitstreiter Jan Kott als einer der bedeutendsten Theaterkritiker Polens.

1966 ging Andrzej Wirth als Gastprofessor in die USA, zwei Jahre später entschied er sich angesichts der veränderten politischen Lage in Polen dazu, in den Vereinigten Staaten zu bleiben. Er begann in Englisch zu schreiben und unterrichtete an der Stanford University und der City University of New York, außerdem erhielt er Gastprofessuren an der Harvard University, in Yale, in Oxford und an der Freien Universität Berlin.

1982 folgte er einem Ruf an die Justus Liebig Universität Gießen, wo er das erste deutsche Institut für Angewandte Theaterwissenschaft gründete, das er bis zu seiner Emeritierung 1992 geleitet hat.

Sein beruflicher Lebensweg ist eng verbunden mit Robert Wilson und Heiner Müller, die er als Gastprofessoren an das Gießener Institut holte.

Wirth veröffentlichte zudem zahlreiche Studien zu Themen der polnischen und internationalen Theater- und Literaturgeschichte, sowie über die NS-Zeit und die Judenverfolgung in Polen. Die Übersetzung seiner auf Deutsch und Englisch publizierten Studien erscheint eben in einem akademischen Verlag in Krakau.


Literatur u.a.:

Andrzej Wirth (Hrsg.): Modernes polnisches Theater. Neuwied u.a. 1967.

The Stroop Report. The Jewish Quarter of Warsaw is no more! Translated from the German and Annotated by Sybil Milton. Introduction by Andrzej Wirth. New York 1979.

Andrzej Wirth/Slawomir Mrozek, Zabawa (Hrsg.): Satire in lustloser Zeit. Frankfurt/Main 1992.

Andrzej Wirth/ Stanislaw Witkiewicz (Hrsg.): Verrückte Lokomotive. Ein Lesebuch. Frankfurt/Main 1994.

Gerhard Fischer (Hrsg.): Debating Enzensberger. Great Migration an Civil War. Tübingen 1996.